Eine kleine Geschichte der Eckernförder Gilden und Geschichten zum Gildewesen

Herausgeber: Jörg Czarnowski
Ein Jubiläum wie die 50 Jahrfeier des Museums Eckernförde ist eine gute Gelegenheit, das Gildewesen den Interessierten nahe zu bringen und über die Ursprünge und den Wandel der Gilden in der Gesellschaft zu erzählen. Das Museum Eckernförde zeigt in seiner ständigen Ausstellung „Die Gilden: Für- und Miteinander“ die gelebte Gildegeschichte der Stadt Eckernförde.
Eine kurze Einführung zu den Eckernförder Gilden
Nordische Gilden sind nicht zu verwechseln mit den mittelalterlichen südlichen Ständen, Handwerksgilden und Zünften!
Gilde, das ist in Eckernförde in erster Linie gemeinschaftlich gelebte Tradition und damit steht das Weitergeben von regionalen Werten und regionaler Kultur im Vordergrund.
Die derzeit vier Eckernförder Gilden haben sich unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt. Sie sind sich dennoch einig in der Sache und miteinander befreundet und verwoben. Viele Eckernförder sind Mitglieder in mehreren Gilden. Gefeiert wird zusammen mit Gilden und Gästen aus nah und fern.
Für alle Buteneckernförder folgt hier eine kurze Erläuterung zu den vier Eckernförder Gilden und der Geschichte des Gildewesens in Eckernförde:

Bei der Plattdüütsch Gill Eckernför vun 1912 wird der Erhalt und das Beleben der plattdeutschen Sprache gelebt. De Plattdüütsch Gill Johann-Hinrich-Fehrs kreeg, as se gründ`t wurr, toeerst den Naam „Johann- Hinrich-Fehrs-Verein“ un is noch veer Johren öller as de „Fehrs-Gilde“, de hüüt as „Gesellschaft für niederdeutsche Literatur und Sprachpflege“ togang is. De Gill will de plattdüütsche Spraak hegen, plegen un föddern, denn: Plattdüütsch, dat is in Eckernföör to Huus! De Gill is apen för elkeen — för Jung un Oolt, för Hoochdüütsche un Plattdüütsche.
Für Interessierte: http://gill-eckernfoerde.de

Tradition bei der Eckernförder Beliebung von 1629 ist die gelebte Nächstenliebe und Unterstützung der Schwächeren, sowie gegenseitige Hilfe und Gemeinsinn: „Tru Hölp to geven ut sik herut is Sinn vun de Beleven, düss Opgar wer al jümmer gut un is al Tied so bleven“ (frei übersetzt: selbstlos zu helfen ist Zweck der Beliebung, für alle Zeit)
Interessierte wenden sich an:
Herrn Otto Schlotfeldt, Petersberg 13
24340 Eckernförde
Tel. (0 43 51) 8 29 87

Für die Borbyer Gilde von 1700 steht im Zentrum des Wirkens, materielle Hilfe bei Knochenbrüchen und Todesfällen zu leisten. Die Borbyer Gilde ist die mitgliederstärkste Gilde Schleswig-Holsteins. Jeder, der das 15. Lebensjahr vollendet hat und in Borby geboren ist oder dort wohnt, kann für einen geringen Betrag beitreten.
Für Interessierte: https://borbyer-gilde.de/geschichte-der-gilde/

Die älteste Gilde Eckernfördes, die Eckernförder Bürgerschützengilde von 1570, die heute auch unter dem Namen „Gelbe Westen Gilde“ bekannt ist, hat sich zum Ziel gesetzt, das Gildebrauchtum als wertvollen Bestandteil unserer Eckernförder Geschichte wach zu halten, an nachfolgende Generationen weiterzugeben und sich bei Todesfällen zu unterstützen.
Für Interessierte: https://gelbe-westengilde.de
Die Tradition wird durch jährlich wiederkehrende Gildefeiern, insbesondere zwischen Pfingsten und Johanni, nach überlieferten Regularien mit der ganzen Stadt gefeiert und ist damit Teil der gelebten Stadtgeschichte.
Allen Gilden gemein ist der bevorzugte Gebrauch der plattdeutschen Sprache, an die auch ungeübte Buteneckernförder gern herangeführt werden.
Vom Gildehaus zum Museum — eine Zeitreise
Der frühere Museumsleiter Dr. Uwe Beitz nutzte 2011 eine Gildeveranstaltung, um die Traditionsgeschichte der „löblichen Schützengilde der Stadt Eckernförde“ am Beispiel der Kulturgeschichte unseres alten Rathauses zu betrachten, das seit 1987 das wiedereröffnete Museum Eckernförde im Obergeschoß und das Restaurant Ratskeller im Untergeschoß beherbergt.
Im Ratskeller, der der Gilde als Gildehaus während der traditionellen Gildefeier diente, wurde diese Führung bei einem eigens dafür kreierten „Mittelalterlichen Menü“ mit Hypocras-Würzwein stilvoll unter der Königstafel der Gilde beendet.
Aufgrund der Resonanz wurde diese Veranstaltung im Frühjahr 2012 wiederholt.
Zum Leidwesen aller Gilden und ihrer Gäste wurde der Ratskeller am 17.12.2023 aufgrund zu hoher Sanierungsauflagen geschlossen und bisher nicht wieder eröffnet.

Zur Einstimmung auf die Zeitreise wurde zum Rat und der Gilde einer mittelalterlichen Stadt wie folgt berichtet:
Als eine der ersten mittelalterlichen Stadtgründungen im Norden Europas wird Haithabu (770 bis 1066) angesehen. Die organisatorischen Strukturen dieser ersten Stadtgründungen gingen erstmalig über Familienund Clanhierarchien hinaus, die durch Vereinigungen oder Bruderschaften, wie z.B. Gilden, ersetzt wurden. Zumeist übernahm ein Ältestenrat — der meist mit den Mitgliedern der Gilde identisch war – die Aufgabe, die Geschicke der Gemeinschaft zu lenken und über das Recht zu wachen.
Mit der Einführung des Wahlkönigtums vereinte der Monarch das absolute Recht auf sich und privilegierte den Rat einer Stadt mit der Durchsetzung seines Willens. Rat und Gilde einer Stadt waren bis ins 13. Jahrhundert und oft darüber hinaus personell identisch. Wobei es auch belegt ist, dass ein König von Dänemark und Herzog von Schleswig, nämlich Knud Lavard (1096-1131), Gründer und Ältermann einer Gilde war und später zum Namensgeber einer Reihe von Gilden wurde. Mit zunehmender Christianisierung durch die katholische Kirche und deren Machtmehrung durch Besitznahme wurden einige Gilden auch religiös geprägt und instrumentalisiert.
Parallel sicherten sich die Monarchen durch Gesetzgebungen („jydske Lov“,1241 bis 1900!) ihre Macht und ihren Einfluss, indem sie zumindest den Vorsitz im Rat der Städte bestimmten und einsetzten.
Zuletzt während der Durchsetzung der Reformation – mit der Enteignung der katholischen Kirche – wurden im Raum Schleswig-Holstein (1536) auch viele Gilden aufgelöst und enteignet. Mit dem dänischen Statthalter (1556) des königlichen Anteils vom Herzogtum Schleswig, Heinrich Rantzau (1526 -1598), hatte Friedrich II. einen Staatsmann gefunden, der das Gildewesen mit Verbreitung der Gegenseitigkeitsidee wiederbelebte und in eine neue Richtung lenkte (Beistehen bei Brand, Flut, Tod, Not durch Krankheit und Schutz gegen Angriffe). Eine große Anzahl von Gilden wurden gerade im Zeitraum seines Wirkens, nach 1556 bis 1598, wieder eingerichtet und privilegiert. Die archivierten originalen Quellen der Eckernförder Bürgerschützengilde sind derzeit ab 1570 in Schrifttum nachgewiesen, weshalb sich auch der heutige Gildename auf dieses Datum bezieht.
„Im Nahmen der Heiligen Drey Einigkeit…“ priviligierte Frederic der V., König von Dänemark und Norwegen, Herzog von Schleswig und Holstein etc… auf Empfehlung des Rates (curia) der Stadt Eckernförde die löbliche Schützengilde, auch Pfingstgilde genannt. Und so „…Haben wir Älter Leute Beysitzere und Sämgtliche Interessenten der Schützen Brand und Todten Gilde unserer A(nn)o 1570 gestiffteten Gilde Artieul, welche A(nn)o 1640 revidieret und Confirmieret, auch A(nn)o 1690 abermalst revidieret und renovieret. Der Zeit und den Umbständen nach in 24 Articul renovieret und revidieret (dies geschah Anno 1746)…“
Wie Alles begann…
Es ist derzeit daher davon auszugehen, dass die Geschichte des Eckernförder Gildewesens mit der Eckernförder Bürgerschützengilde von 1570 auf die Zeit des 12. Jahrhunderts, zwischen 1170 und 1200, zurückzuführen ist. Sehr wahrscheinlich ist die Eckernförder Gilde ein „Ableger“ der Knudsgilde in Schleswig, die von dänischen Händlern zu Ehren des letzten Jarls von Schleswig, Knud Lavard (geb. 12.03.1096; + 07.01.1131), spätestens nach seiner Ermordung so genannt wurde. Knud Lavard war in Schleswig zuvor Ältermann der Gilde.
Der Name Ekerenvorde wurde zuerst im Jahr 1197 im Zusammenhang mit den beiden Eckernförder Rittern Godescalcus de Ekerenvorde und Nikolaus de Ekerenvorde erwähnt. Zu diesem Zeitpunkt stand bereits die Borbyer Kirche auf der gegenüberliegenden Seite in Borby (spätestens seit 1190).
Ende des 12. Jahrhundert errichteten die Dänen am Ende der Eckernförder Bucht eine Burg, die 1231 im Erdbuch von König Waldemar II. als Ykernaeburgh (wohl als Eichenburg oder (Buch)Eckernburg) erwähnt ist. Hierauf weist noch der Stadtteil Borby hin (dänisch Borreby von borg, Burg), dessen Gründung heute mit „um 1150“ datiert wird.
Über den genauen Standort der Burg — unterhalb Borbyer Kirche oder am Burgwall/Gasstraße — setzen wieder die unterschiedlichen Meinungen durch historische Betrachter ein; der Historiker Jann Markus Witt enthält sich einer abschließenden Festlegung, ob die Burg überhaupt auf einem dieser beiden Plätze stand – „wahrscheinlich auf dem nördlichen Fördeufer“. Fest steht, dass eine Burg zu dieser Zeit u.a. angelegt war, um die Einwohner und den Handel zu schützen, der offensichtlich auch mit Waren aus Eckernförde erfolgte.
Vereinzelt trifft man auf Hinweise, die besagen, dass zu Gildefeiern der Knudsgilde in Schleswig Fisch von der befreundeten Gilde aus Eckernförde als Gastgeschenk beigesteuert worden sein soll.
Um 1210 wurde mit dem Bau der zunächst einschiffigen nach dem Heiligen Nicolaus benannten Kaufmannskirche in der heutigen Altstadt begonnen; der Baukörper dieses ersten Kirchenbaus besteht teilweise noch als integrierter Teil der heutigen Sankt-Nicolai-Kirche. Für die Menschen dieser Zeit war der Beistand in Not durch Krankheit und Tod eine Gemeinschaftsangelegenheit, die durch Gilden, wie heute Versicherungen, die Angehörigen schützten. Dazu gehörte auch das würdige christliche Begräbnis.
Mit Beginn der Reformation verschwanden die Knudsgilden im damaligen Dänemark wie auch alles andere katholischen Ursprungs. In seinem Herrschaftsgebiet zog Christian der III. (König 1534 — 1559) Besitz und Vermögen der katholischen Kirche und nicht nur der Kirche nahestehenden Gilden ein, entmachtete sie und erneuerte dann u.a. auch die Privilegien (Stadtrechte) der Stadt Eckernförde und der „reformierten“ Kirche im Jahr 1543/1545 auf die Weise, die ihm dienlich erschien. Denn auf die Unterstützung der Gilden konnte der König nicht verzichten, also lenkte er sie in neue Bahnen. In Eckernförde wurde „die löbliche Schützen Gilde der Stadt ECKERNFORDE“ im Jahr 1570 erneut mit Privilegien versehen.
Betrachten wir die Not, die unseren Landstrich durch Krankheiten, Krieg und Hunger traf und die Übereinstimmung mit den zeitlichen Ereignissen.
Die Pest erreichte das heutige Gebiet von Schleswig-Holstein 1350 über die Hafenstädte. Zwischen 1350 und 1713 kam es 19 Mal zu begrenzten kleineren Pestseuchen im heutigen Schleswig-Holstein und Dänemark.
Zu den ansteckenden Krankheiten zählte insbesondere die Tuberkulose, die sogenannte „weiße Pest“, an der in den vergangenen Jahrhunderten die meisten Menschen starben. Auch Thypus, Fleckthypus genannt, ist seit dem Altertum in Europa bekannt und hat verheerend gewütet. Die Cholera trat erst sehr spät ab 1830 in Europa auf. Alle diese Krankheiten sind auf mangelhafte Hygiene und Ernährung zurückzuführen, die zumeist durch Kriege und die dadurch bedingten Mängel verursacht wurden.
1629 erreichte Eckernförde der Dreißigjährige Krieg. Die Eckernförder wurden zuerst von den „Katholischen“ besiegt und geplündert und anschließend von den angemieteten Soldaten des Dänischen Königs, der zwar der Schutzherr der Eckernförder war, aber dennoch Eckernförde zur Plünderung durch „die Befreier“ freigab.
Rein rechtlich besaß nach dem Jütischen Recht (dänisch: Jyske Lov) Eckernförde eine Sonderstellung, weil es direkt auf dem Küstenstreifen entstanden war: Es gehörte damit direkt zum Privatbesitz des dänischen Königs und nicht zum dänischen Staat — ein Sachverhalt, der sich allerdings erst 1721 direkt auf Eckernförde auswirken sollte.
Es ist davon auszugehen, dass unendliches Leid über die Eckernförder kam und die Bürgerschützengilde in Eckernförde spätestens nach dem Dreißigjährigen Krieg über kein männliches Mitglied im wehrfähigen Alter verfügte.
Wir mutmaßen, dass das Gründungsjahr 1629 der Eckernförder Beliebung durch die verbliebenen älteren Gildebrüder damit zu erklären ist. Schutz konnte nicht mehr geleistet, aber Trost konnte gespendet werden. Denn es galt, vielen Bürgern ein würdiges Begräbnis zu geben und den Hinterbliebenen beizustehen.
Der Wahlspruch der Eckernförder Beliebung ist seither „Einer trage des Anderen Last“ und wird bis heute gelebt.
Für die enge dokumentierte Verbundenheit der Eckernförder Bürgerschützengilde von 1570 mit der Eckernförder Beliebung von 1629 gibt es eine große Anzahl von Hinweisen im Eckernförder Stadtmuseum.
In der Bereitstellung einer wehrhaften Generation von Gildebrüdern in der Eckernförder Bürgerschützengilde ist ein enger Zusammenhang mit den jeweiligen Bestätigungen der Satzungen in den Jahren 1570, 1640, 1690, 1746 und 1761 durch den jeweiligen Landesherrn zu sehen.
Die Verleihung der Eckernförder Stadtrechte 1543 stimmt mit dem Bedürfnis nach einer Bürgerwehr durch Bildung einer damals üblichen Bürgerschützengilde im Jahre 1570 überein.
Eine knappe Generation nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges in Eckernförde 1629 erfolgte im Jahr 1640 eine erneute Bestätigung der Bürgerschützengilde.
Im Jahr 1648 werden in der Geschichte der Stadt Eckernförde 500 Pesttote angegeben. Im Jahre 1690 scheint sich die Stadt Eckernförde davon erholt zu haben und es erfolgte eine erneute Bestätigung der Bürgerschützengilde.
1746 wurden die Privilegien dann erneut bestätigt, hier besteht vielleicht ein Zusammenhang mit dem letztmaligen Auftreten der Pest und deren Folgen im Jahr 1713.
Zuletzt 1761 erfolgte eine erneute Bestätigung der Privilegien durch den dänischen König Frederik V. (31. März 1723 — 14. Januar 1766) und Herzog von Schleswig und Holstein. Als Herzog von Schleswig trägt das Siegel nur zwei gekrönte Löwen statt der drei im Königssiegel.
Nach Ende des Deutsch-Dänischen Kriegs 1866 trat die Funktion der Gilden als eine Art gemeinschaftlicher und gesellschaftlicher Versicherung immer mehr zurück, da diese Aufgaben vom Staat übernommen und geregelt wurden.
Seit 1900 sind die Gilden in Deutschland als Vereine organisiert worden und widmen sich, von allen Privilegien entbunden, der Traditionspflege.
Quellen:
Archiv der Eckernförder Bürgerschützengilde von 1570 e.V.
Museumsverein Eckernförde e. V., Rathausmarkt 8, 24340 Eckernförde
Telefon 04351 / 712 547 Fax: 0 43 51 / 712 549
SCHLEE, Ernst: Kulturgeschichte schleswigholsteinischer Rathäuser. Westholsteinische
Verlagsanstalt Boyens & Co., Heide, 1976, ISBN 3-8042-0164-4
Redaktion: Hermann Krafft Wolter, Jörg Czarnowski
Impressum:
Herausgeber: Czarnowski, Jörg; Mühlenstraße 7, 24340 Eckernförde
© Führung zur Geschichte des Gildewesens, Czarnowski, 2025
